In der Mitte einer langen Tafel hat Anke Velmeke einen Laptop aufgeklappt und liest das Manuskript des dritten Kapitels aus ihrem Roman-Projekt „Siena oder Wie wir die Kinder erfanden“. Ihr Zuhörerkreis ist nicht ganz so üppig, wie bei öffentlichen Autorenlesungen und die Bühne ist auch keine Buchhandlung oder Bibliothek. Heute haben sich im Heuboden von Kloster Eberbach knapp zwei Dutzend Schriftsteller und Literatur-Interessierte zur „Schreibwerkstatt“ zusammengefunden. Kreatives Miteinander, gegenseitige Inspiration und literarische Weiterentwicklung ist deren Motto. Die Geisenheimer Buchautorin Anke Velmeke, deren Buch „Luftfische“ vom Förderkreis Deutscher Schriftsteller in Rheinland-Pfalz zum „Buch des Jahres“ gekürt worden ist, stellt sich der heimischen Kritik. Diskutiert wird über „Banalitäten, die literarisch inszeniert werden sollten“ ebenso wie über für den Leser „nachvollziehbare Perspektivwechsel und Gedankensprünge“. Velmeke nimmt die Hinweise dankbar auf. „Fünf Jahre hat das Projekt in der Schublade gelegen“, verriet sie. „Erst die Schreibwerkstatt hat mir den entscheidenden Motivationsschub gegeben, das Manuskript aus dem Dornrösschen-Schlaf zu erwecken.“
Die Schreibwerkstatt ist ein Projekt der frisch gegründeten Autorenkooperative RheinWeinFeder e.V. . Unter der Leitung von Vereinsmitglied Ute Schusterreiter treffen sich Autoren und Schreib-Interessierte zum regelmäßigen Austausch. Die Idee dazu hat Schusterreiter aus ihrer Studienzeit in Berlin mitgebracht. Als Mitglied der Gesellschaft für neue Literatur (GNL) in Berlin hatte sie dort regelmäßig an einer Initiative zur Verbesserung des individuellen Schreibstils teilgenommen. „Wir wollen voneinander lernen, Anregungen durch Zuhören erfahren oder einfach nur enger mit Literatur auf Tuchfühlung gehen und uns in einem inspirierenden Rahmen miteinander austauschen“, formuliert die in Winkel lebende Autorin Schusterreiter das Motto der Arbeitsreihe, die mittlerweile auch von der Stiftung Kloster Eberbach unterstützt wird und im Heuboden der Klosterschänke alle vier Wochen stattfindet.
Auch Schusterreiter liest heute Abend. Sie stellt Auszüge aus ihrem Romanprojekt „Das Geheimnis von Ognissanti“ zur Diskussion. Es geht um das magische Datum „26. April 1476“, um Ereignisse in Florenz, um ein Fresco von Botticello und um das Hochzeitspaar Martin und Philomena im Hier-und-Jetzt. Die Zeitreise sorgt für Spekulationen und führt zu spannendem Dialog, an dessen Ende die Empfehlung steht, den Roman baldmöglichst fertigzustellen und herauszugeben.
Mit RheinWeinFeder e.V. hat sich in der Rheingau-Taunus-Region inzwischen eine eigenständige Literaturszene etabliert. Angestoßen durch Reihen wie Ulrich Bachmanns „Rheingauer Krimiabende“ oder das „Rheingau Literatur Festival“ vernetzen sich dort Autorinnen und Autoren, die den Rheingau mit seinen Weinbergen und dem Rhein als literarische Inspirationsquelle verstehen. Die Schreibwerkstatt bietet ihnen die Möglichkeit, unveröffentlichte Texte vorzustellen und gemeinsam weiterzuentwickeln. Eingeladen sind nicht nur erfahrene Autoren, sondern alle, die Freude am Schreiben haben oder sich literarisch ausprobieren möchten. Die nächste Schreibwerkstatt findet am 25. Juni 2026 statt. Weitere Informationen gibt es unter www.RheinWeinFeder.de.